Monat: Oktober 2019

Westbesuch

Beispielbild

Liebe Leser, anlässlich des Jahrestages des Mauerfall erreichen uns des öfteren Briefe von Menschen, die ihre Erlebnisse aus dieser Zeit schildern.

Meine Eltern hatten beide viele Geschwister. Meine frühe Kindheit verlief, indem sich die Geschwister mit ihren Familien an den Wochenenden bei den Müttern, also meinen Omas, trafen. Ein Wochenende bei Muttis Mutti, die nächste Woche bei Vatis Mutti. Die Opas lebten nicht mehr. 

Kam es vor, daß meine Eltern an einem Wochenende einmal nicht teilnehmen konnten, wurde eine Postkarte mit der Absage geschrieben. Kostete fünf Pfennig Porto und mußte am Donnerstag in dem Briefkasten. Denn die Oma wollte am Samstag Bescheid wissen, wie viel Kuchen gebacken sein müssen. 

Dann saßen dort schon mal vier Onkel und vier Tanten, jedes Paar zwei Kinder, dazu meine Eltern mit mir und die Oma. Rund 20 Personen,  es fiel nicht weiter auf, ob es ein paar mehr oder weniger wurden. Angereist wurde mit dem Bus, denn Autos hatten wir alle nicht.

Einige der vielen Geschwister meiner Eltern hatte es in den 40er und 50er Jahren in die Westzonen verschlagen. Sie waren jetzt Westonkels- und -Tanten, ein besonderer Status. Sie wohnten weit weg von ihrer pommerschen Heimat und konnten nicht oft in die „deutsche demokratische Republik“ einreisen, vor allem in den 60er Jahren noch nicht. Dennoch oft genug, daß ich mich bestens erinnern kann.

Meine Eltern arbeiteten im Staatsapparat. Es wurde nicht gern gesehen, daß die Staatsbediensteten „Westkontakte“ hatten. Hatten sie aber nun einmal! Ich erinnere mich, daß Onkel Harri bei seiner An- und Abreise jedesmal seinem Bruder, also meinem Vater, einen Besuch abstattete. Er parkte den Mercedes auf der Straße vor unserem Haus und Onkel Harri und seine Frau, die Tante Inge, besuchten uns. Vielleicht nur eine halbe Stunde. Sie waren am frühen Morgen in Wanne-Eickel aufgebrochen, hatten in Grimmen bei Harris Zwillingsbruder und dessen Familie Station gemacht und wollten nun endlich die letzten 20 Kilometer zum Ziel, meiner Oma, fahren. „Samstag sehr wir uns!“

Die Westkontakte meiner Mutter bestanden aus ihrer Schwester. Sie kam mindesten zweimal im Jahr aus Minden mit dem gern so genannten Interzonenzug bis Stralsund und stieg dort in den Überlandbus. In unserem Dorf verließ sie den Bus. Sie besuchte ihre kleine Schwester, meine Mutter, und fuhr mit dem nächsten Bus weiter zu ihrer Mutter, meiner Oma.

Aus Gesprächen meiner Eltern weiß ich, daß die Staatsorgane die Zügel immer straffer anzogen. Während der Westbesuch anfangs einfach so kam, war mein Vater eines Tages, es mag 1970 gewesen sein, gehalten, bevorstehenden Westbesuch bei seinen Vorgesetzten anzumelden. Zuerst reichte noch eine nachträgliche Meldung „war plötzlich da, hatte es vorher nicht gewußt“. Die Steigerung war ein schriftliches Gesuch auf Erlaubnis zum „Kontakt mit Personen aus dem NSW“ (nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet). Irgendwann durften Onkel Harri seinen Mercedes nicht mehr vor unserem Haus parken, sondern bei ein paar Nachbarn weiter, denn dort ist laufend Westbesuch, das fiel nicht auf. Bis auch das meinen Vater nicht mehr schützte, Harri durfte bei seinen Fahrten zur Mutter nicht bei seinem Bruder pausieren.

Das Gleiche wiederholte sich im Haus der Oma. Zuerst durfte mein Vater ungezwungen seine Mutter besuchen, auch wenn Onkel Harri aus dem Westen dort war. Später nur mit Anmeldung bei Vorgesetzten, dann auch das nicht mehr. Anfangs ging es heimlich noch bei Oma. Bis wir irgendwann Onkel Harri an dritten Orten, also konspirativ, trafen. Bis auch damit Schluß war. Mein Vater konnte es sich nicht leisten, denn er hätte seine Berufsausübung und damit die Ernährung unserer Familie gefährdet.

Meiner Mutter ging es ähnlich. Sie wurde Frührentnerin, hätte eigentlich nach der BRD reisen dürfen. Ging aber nicht! Denn das Verbot von „Westkontakten“ für meinen Vater wurde von seinen Vorgesetzten auch auf die Ehepartner ausgeweitet. 

Im Jahr 1982 war ich erwachsen genug, um die ganze Perversion der deutschen Teilung, der zerrissenen Familien, ausreichend zu begreifen. 

Modus operandi 1982: Meine Tante aus Minden fährt mit dem Interzonenzug bis Stralsund. Um 13 Uhr fährt der Überlandbus ab, wird also gegen 13.25 Uhr an dem Haus meiner Eltern vorbeifahren. Meine Tante wird in dem Bus auf der linken Seite am Fenster sitzen. Meine Mutter, mein Vater und ich werden vor der Haustüre stehen.

So lief es. Der Bus fuhr vorbei, Tante Grete winkte verstohlen, der Bus verschwand hinter der nächsten Kurve. Wir hatten nicht zu winken gewagt. Denn die „Schutz- und Sicherheitsorgane“, das „Schild und Schwert der Partei“, kurz Stasi genannt, hätte einen Spion, einen „informellen Mitarbeiter“ beauftragt haben können, nachzusehen, ob meine Familie dem Bus zuwinkte. Das wäre ein Beweis, gewußt zu haben, daß Tante Grete in dem Bus sitzt, das hätte einer Absprache, auch über Dritte, bedurft, somit wäre ein Westkontakt nachgewiesen.  „Wem haben Sie am … um 13.25 Uhr gewunken? Wir wissen genau, daß die Bürgerin der BRD Frau … in dem Bus saß. Sie hat ein Visum für die Deutsche Demokratische Republik …“

So perfide war das damals!

Der Bus war schnell vorbei. Für einen winzigen Augenblick hatten die Schwester sich gesehen. Meine Mutter ging schnell ins Haus. Sie weinte. Auch ich hatte Tränen in den Augen. 

Ankündigung der BVV im Oktober 2019

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Unterstützer!

Die nächste Bezirksverordnetenversammlung (BVV) findet am Donnerstag, dem 24. Oktober 2019 im Arndt-Bause-Saal des Marzahner Freizeitforum (FFM) statt. Beginn ist 17 Uhr. Im Sitzungskalender der BVV sind alle Termine veröffentlicht. Dort gelangen Sie zu den Tagungsordnungen und zu den einzelnen Anträgen. Die Sitzungen sind öffentlich. Sie haben die Möglichkeit, entweder persönlich teilzunehmen oder die Sitzung per Internetübertragung zu verfolgen.
http://mh.demokratielive.org (erst während der Sitzung)

Die Fraktion der AfD wird folgende Anträge und Anfragen einbringen:

Vertagte Drucksachen:
Antrag: DS1452/VIII – Bildung für Klimaschutz

Neue Drucksachen:
Mündliche Frage: DS1719/VIII – zum Ausweichstandort für Kids & Co Gut Hellersdorf

Große Anfragen:
DS1714/VIII – zum Klimastreik am 20.09. – Schulen
DS1718/VIII – Schwarzschimmelbefall im Gesundheitsamt
DS1734/VIII – zum Klimastreik am 20.09. – Kitas

Anträge:
DS1699/VIII – Schutz und Pflege für die Bergwelt im Bezirk
DS1701/VIII – Fahrradverkehr: erst Verkehrszählung, dann Verkehrsplanung
Wahlen von Bürgerdeputierten (unter anderem unserer AfD)

Seitenwechsel

Liebe Leser, anlässlich des Jahrestages des Mauerfall erreichen uns des öfteren Briefe von Menschen, die ihre Erlebnisse aus dieser Zeit schildern.

Der Verfasser des vorliegenden Schulaufsatzes zum Thema Mauerfall war damals 17 Jahre alt und besuchte eine Oberschule in Marzahn. Er hatte die ersten sieben Jahre seines Lebens direkt an der Berliner Mauer gewohnt und war 1980 mit seiner Familie nach Marzahn gezogen.

                                                                                  

Seitenwechsel 1990

Ich stehe vor dem schmutzigen Treppenhausfenster eines alten Berliner Mietshauses und schaue auf einen ziemlich unspektakuläre, durch das trübe Wetter besonders trist wirkenden Straßenabschnitt. Ich bin nur zu Besuch hier. Dabei habe ich keine Person besucht, sondern allein dieses schäbige, heruntergekommene Haus, das wegen eines Bombentreffers vor fast einem halben Jahrhundert eine fensterlose, wie abgeschnitten wirkende Seitenwand bekommen hat. Dieses Haus steht direkt an der Berliner Mauer. Hier habe ich meine ersten sieben Kindheitsjahre verbracht. Freilich – die Berliner Mauer gibt es jetzt, im Oktober 1990, nicht mehr. An ihrer Stelle befindet sich seit kurzem noch ein wüster Schuttstreifen, wie ich kürzlich erschüttert feststellte. Dennoch: „mein“ Haus und die Mauer werden für mich immer untrennbar bleiben, denn beides ist Teil meiner Kindheit, die mich tief geprägt hat. Natürlich stammt nur ein Bruchteil meiner Erinnerungen aus den Anfangsjahren – über meine späteren Jahre weiß0 ich ungleich mehr zu berichte. Trotzdem zieht diese Gegend mich aus einem schwer begreifbaren Gefühl derart an, daß ich einige Male sogar an dunklen Winterabenden allein von Marzahn aus dorthin aufbrach. Von dieser bomben- und mauerversehrten Altbaugegend geht für mich Heimatgefühl aus wie von nirgendwo sonst.

Als kleiner Junge stand ich am Wohnzimmerfenster und sah fünf Stockwerke unter mir den etwa 25 Meter breiten Todesstreifen, die Vormauer, die sich im Laufe der Jahre vom Eisengitter zum Wellblechzaun und danach zur Betonmauer wandelte und vor der bei nebligem Wetter das Gewehr schulternde Grenzposten standen. Ich sah den Patroullienfahrzeugweg, den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun, in dem sich hin und wieder ein Kaninchen tödlich verfing, was unter Umständen nächtlichen Hubschrauberalarm auslöste, die schweren Beton-Panzerkreuze in mehreren Reihen, die Laternen und Wachtürme, den merkwürdig sauber geharkten Sandstreifen und schließlich die eigentliche Mauer, von der es hieß, sie sei auf der anderen unsichtbaren Seite bunt bemalt. Dahinter sah und hörte ich Kreuzberger Kinder spielen. Jeden Morgen ging ich etwa 500 Meter zu meinem Kindergarten am Michaelkirchplatz, wo ich von katholischen Nonnen beaufsichtigt wurde.

An manchen Nachmittagen saß ich auf dem Schoß eines abenteuerlichen Onkels ein Stockwerk unter mir, der mir Märchen vorlas und vom Wildschweinjagen erzählte. Dieser Mann war im Krieg Panzerfahrer gewesen und zur damaligen Zeit ein von der Stasi überwachter Freund führender DDR-Oppositioneller. Wegen einer Protestaktion gegen den Mauerbau hatte er die Karriere vom Lehrer zum Kohlenschipper zurückgelegt.
Nach meinem Umzug nach Marzahn besuchte ich ihn oft und lieh mir verbotene Bücher von ihm aus. Er starb noch vor dem Mauerfall. Wie sehr hätte ich ihm gewünscht, daß er noch 19 Monate länger gelebt hätte, denn dann hätte er von seinem Wohnzimmerfenster die Mauer kaputtgehen sehen.

Als ich am 11. November 1989 zum ersten Mal Westberliner Boden betrat, zog es mich wieder zu meinem alten Haus – diesmal aber von der anderen Seite! Nach vier quälend langen Schulstunden war ich am sonnigen Nachmittag in einer riesigen Menschenmenge über die alte, halb zerstörte Oberbaumbrücke gegangen. Über die breite blaue Spree ging ich, meinen Ausweis mit Visumstempel hochhaltend, vom sozialistischen zum kapitalistischen Ufer. Innerhalb weniger Sekunden stand ich innerlich fassungslos neben Westberliner Polizisten auf einer Kreuzberger Straße. Anschließend stand ich stundenlang umsonst nach dem Begrüßungsgeld an, was mir aber ziemlich gleichgültig war, denn während des Stehens begann ich ehrfürchtig den „Westen“ zu betrachten. Die Eindrücke dieses Tages gingen weit über mein Fassungsvermögen. Es war, als ob man einen Eimer Wasser in ein Gläschen gießen wollte. Gleich zu Anfang sprang mir die Buntheit der Straßenszenerie ins Auge. Das ist Pluralismus, sagte ich mir: farbenfrohe Häuserfassaden, Türkenkinder, Anarchisten, West-Autos und West-Kneipen, West-Läden und West-Zeitungen – alles war neu für mich. Jede Querstraße verhieß neue interessante Einblicke, die sich nun mir, der sich sehr nach unendlicher Vielfalt dieser Welt gesehnt hatte, unverhofft erschlossen. Es war bereits dunkel, als ich von Westberliner Seite aus, mein altes Haus erblickte. Fast acht Jahre hatte ich dort gelebt und nie hatte ich die andere Straßenseite betreten können. Ich stand in der neuen Welt und schaute erschüttert auf die alte zurück, repräsentiert durch die kahle, dunkle Front meines Hauses.
In diesem Augenblick fühlte ich, wie der Bann der alten Welt, in der ich groß geworden war, seine Macht über meine Person verloren hatte. Und dann tauchte ich ein in das fremdartige Gewimmel der westlichen Großstadt, die sich meinen Augen erschloss, so wie sich ein Eroberer eine neue Welt geistig aneignet.

Auch jetzt noch, wo sich an meinem Haus keine Mauer mehr zeigt, im Oktober 1990 also, wo meine Augen anscheinend noch nicht begriffen haben, was mein Verstand längst im historischen Wissen verbucht hat, kommt mir oft das alte, abrißreife Gebäude in den Sinn. Erbaut wurde es in den 70er oder 80er Jahren des 19. Jahrhunderts als ein schmuckes Gebäude mit verzierter Fassade. Seit Kaisers Zeiten stand es am vornehmen Bethaniendamm unweit des Engelbeckens. Eine alte Anwohnerin erzählte von dem schönen Kanal längs der Straße und von einem Goldfischteich. Ich stelle mir das Haus als lebendes Wesen vor, welches seit seiner Entstehung unglaublich viel gesehen haben muß. Ich denke an die unzähligen Schicksale seiner Bewohner, die sich in den gedachten Augen und Ohren der alten Wände widerspiegelten. Das Haus erlebte die wirren Monate der Novemberrevolution, die Jahre der Weimarer Demokratie, die Nazi-Zeit, die Bombenhagel der Alliierten, die Nachkriegsjahre und den plötzlichen Mauerbau, gefolgt von den düsteren Jahrzehnten mit dem ständigen Anblick der Todeszone. Auch an dieser Stelle fielen Schüsse auf Flüchtlinge.

Wenn diese Gemäuer reden könnten! Sie können es zwar nicht, aber ich kann mir vieles denken und mich an vieles erinnern, wie ich da so im Treppenhaus stehe und nachdenklich auf den Hof, das wegen Einsturzgefahr zugemauerte Hinterhaus und die Straße schaue.