Westbesuch

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Liebe Leser, anlässlich des Jahrestages des Mauerfall erreichen uns des öfteren Briefe von Menschen, die ihre Erlebnisse aus dieser Zeit schildern.

Meine Eltern hatten beide viele Geschwister. Meine frühe Kindheit verlief, indem sich die Geschwister mit ihren Familien an den Wochenenden bei den Müttern, also meinen Omas, trafen. Ein Wochenende bei Muttis Mutti, die nächste Woche bei Vatis Mutti. Die Opas lebten nicht mehr. 

Kam es vor, daß meine Eltern an einem Wochenende einmal nicht teilnehmen konnten, wurde eine Postkarte mit der Absage geschrieben. Kostete fünf Pfennig Porto und mußte am Donnerstag in dem Briefkasten. Denn die Oma wollte am Samstag Bescheid wissen, wie viel Kuchen gebacken sein müssen. 

Dann saßen dort schon mal vier Onkel und vier Tanten, jedes Paar zwei Kinder, dazu meine Eltern mit mir und die Oma. Rund 20 Personen,  es fiel nicht weiter auf, ob es ein paar mehr oder weniger wurden. Angereist wurde mit dem Bus, denn Autos hatten wir alle nicht.

Einige der vielen Geschwister meiner Eltern hatte es in den 40er und 50er Jahren in die Westzonen verschlagen. Sie waren jetzt Westonkels- und -Tanten, ein besonderer Status. Sie wohnten weit weg von ihrer pommerschen Heimat und konnten nicht oft in die „deutsche demokratische Republik“ einreisen, vor allem in den 60er Jahren noch nicht. Dennoch oft genug, daß ich mich bestens erinnern kann.

Meine Eltern arbeiteten im Staatsapparat. Es wurde nicht gern gesehen, daß die Staatsbediensteten „Westkontakte“ hatten. Hatten sie aber nun einmal! Ich erinnere mich, daß Onkel Harri bei seiner An- und Abreise jedesmal seinem Bruder, also meinem Vater, einen Besuch abstattete. Er parkte den Mercedes auf der Straße vor unserem Haus und Onkel Harri und seine Frau, die Tante Inge, besuchten uns. Vielleicht nur eine halbe Stunde. Sie waren am frühen Morgen in Wanne-Eickel aufgebrochen, hatten in Grimmen bei Harris Zwillingsbruder und dessen Familie Station gemacht und wollten nun endlich die letzten 20 Kilometer zum Ziel, meiner Oma, fahren. „Samstag sehr wir uns!“

Die Westkontakte meiner Mutter bestanden aus ihrer Schwester. Sie kam mindesten zweimal im Jahr aus Minden mit dem gern so genannten Interzonenzug bis Stralsund und stieg dort in den Überlandbus. In unserem Dorf verließ sie den Bus. Sie besuchte ihre kleine Schwester, meine Mutter, und fuhr mit dem nächsten Bus weiter zu ihrer Mutter, meiner Oma.

Aus Gesprächen meiner Eltern weiß ich, daß die Staatsorgane die Zügel immer straffer anzogen. Während der Westbesuch anfangs einfach so kam, war mein Vater eines Tages, es mag 1970 gewesen sein, gehalten, bevorstehenden Westbesuch bei seinen Vorgesetzten anzumelden. Zuerst reichte noch eine nachträgliche Meldung „war plötzlich da, hatte es vorher nicht gewußt“. Die Steigerung war ein schriftliches Gesuch auf Erlaubnis zum „Kontakt mit Personen aus dem NSW“ (nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet). Irgendwann durften Onkel Harri seinen Mercedes nicht mehr vor unserem Haus parken, sondern bei ein paar Nachbarn weiter, denn dort ist laufend Westbesuch, das fiel nicht auf. Bis auch das meinen Vater nicht mehr schützte, Harri durfte bei seinen Fahrten zur Mutter nicht bei seinem Bruder pausieren.

Das Gleiche wiederholte sich im Haus der Oma. Zuerst durfte mein Vater ungezwungen seine Mutter besuchen, auch wenn Onkel Harri aus dem Westen dort war. Später nur mit Anmeldung bei Vorgesetzten, dann auch das nicht mehr. Anfangs ging es heimlich noch bei Oma. Bis wir irgendwann Onkel Harri an dritten Orten, also konspirativ, trafen. Bis auch damit Schluß war. Mein Vater konnte es sich nicht leisten, denn er hätte seine Berufsausübung und damit die Ernährung unserer Familie gefährdet.

Meiner Mutter ging es ähnlich. Sie wurde Frührentnerin, hätte eigentlich nach der BRD reisen dürfen. Ging aber nicht! Denn das Verbot von „Westkontakten“ für meinen Vater wurde von seinen Vorgesetzten auch auf die Ehepartner ausgeweitet. 

Im Jahr 1982 war ich erwachsen genug, um die ganze Perversion der deutschen Teilung, der zerrissenen Familien, ausreichend zu begreifen. 

Modus operandi 1982: Meine Tante aus Minden fährt mit dem Interzonenzug bis Stralsund. Um 13 Uhr fährt der Überlandbus ab, wird also gegen 13.25 Uhr an dem Haus meiner Eltern vorbeifahren. Meine Tante wird in dem Bus auf der linken Seite am Fenster sitzen. Meine Mutter, mein Vater und ich werden vor der Haustüre stehen.

So lief es. Der Bus fuhr vorbei, Tante Grete winkte verstohlen, der Bus verschwand hinter der nächsten Kurve. Wir hatten nicht zu winken gewagt. Denn die „Schutz- und Sicherheitsorgane“, das „Schild und Schwert der Partei“, kurz Stasi genannt, hätte einen Spion, einen „informellen Mitarbeiter“ beauftragt haben können, nachzusehen, ob meine Familie dem Bus zuwinkte. Das wäre ein Beweis, gewußt zu haben, daß Tante Grete in dem Bus sitzt, das hätte einer Absprache, auch über Dritte, bedurft, somit wäre ein Westkontakt nachgewiesen.  „Wem haben Sie am … um 13.25 Uhr gewunken? Wir wissen genau, daß die Bürgerin der BRD Frau … in dem Bus saß. Sie hat ein Visum für die Deutsche Demokratische Republik …“

So perfide war das damals!

Der Bus war schnell vorbei. Für einen winzigen Augenblick hatten die Schwester sich gesehen. Meine Mutter ging schnell ins Haus. Sie weinte. Auch ich hatte Tränen in den Augen.