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Gorbatschow und der Zöllner

Liebe Leser, anlässlich des Jahrestages des Mauerfall erreichen uns des öfteren Briefe von Menschen, die ihre Erlebnisse aus dieser Zeit schildern.

Fantasiebild von der „Krenz-Kontrolle“ am 12.10.2019 vor dem Freizeitforum Marzahn

Ab Mitte der achtziger Jahre wurden die Reisemöglichkeiten für DDR-Bürger in den Westen im Zuge der Annäherungspolitik großzügiger gehandhabt. Mit den durch Michael Gorbatschow und seine Unterstützer in der Sowjetunion eingeleiteten Veränderungen der Perestroika gab es bei mir und überall in der DDR Hoffnung auf Veränderungen. 

Unser Onkel Wolfgang feierte im Dezember 1987 in Westberlin seinen sechzigsten Geburtstag und lud seine Neffen und deren Ehefrauen zur Feier ein. Also wurden bei der Polizei Reisepässe beantragt. Eine aufregende Zeit des Wartens begann. Schließlich bekamen die Neffen, also mein Bruder und ich, Reisepässe mit dem Visum zum Verlassen der DDR in Richtung der „selbständigen politischen Einheit Berlin (West)“ für fünf Tage. Unsere Ehefrauen und die Kinder mussten wir natürlich als Geiseln in der DDR zurück lassen. Über die vielen Erlebnisse und die Eindrücke in diesen fünf Tagen möchte ich jetzt nicht berichten, nur über die Rückkehr.

Wir hatten mit Tante und Onkel noch am Abend in einem Restaurant gegessen, dann musste ich mich verabschieden. Mein Bruder blieb noch einen Tag, denn er war später eingereist. Mit viel Gepäck fuhr ich in der S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße. Der Pass wurde kontrolliert und dann ging es zur Zollkontrolle. 

„Machensemal ihrn Goffer uff“ forderte ein Zöllner in meinem Alter in breitem Sächsisch. Mir wurde bange. Unter Wäsche, Büchsen mit Ananas vom Aldi, Kaffee und anderen Mitbringseln hatte ich einen „Spiegel“ (den man damals noch mit Gewinn lesen konnte) versteckt – auf der Titelseite ein großes Bild von Michael Gorbatschow und im Innenteil einen langen Artikel über Glasnost und Perestroika. In Gedanken spielte ich schon den Ärger durch, den ich jetzt zu erwarten hatte. Schicht für Schicht musste ich auspacken. Dann fiel der aufmerksame Blick des Zöllners auf den Spiegel mit dem Foto Gorbatschows auf dem Boden des Koffers. Unsere Blicke begegneten sich lange, bevor er mich aufforderte: „Backnse mal alles wieder ein! Gude Reise!“ Auch in den „bewaffneten Organen“ gab es Menschen, denen an Veränderung lag. Was wohl aus ihm geworden ist?