Skandal für die Moral

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Auf der gestrigen BVV-Versammlung hielt Dr. Sergej Henke, Russlanddeutscher, ehemaliges CDU-Mitglied und jetzt bei der AfD, eine persönliche Erklärung. Anlass war der denkwürdige Jahrestag des Erlasses des Obersten Sowjets der UdSSR zur Liquidierung der Wolgadeutschen Republik sowie die Deportation der Wolgadeutschen nach Kasachstan und Sibirien.

Ich hörte ergriffen zu, denn ich erfuhr von dem dramatischen Schicksal vieler tausend Menschen im Jahre 1941 und danach, womit ich bisher so noch nicht konfrontiert wurde.

Viele Nachkommen dieser Russlanddeutschen und noch einige, die damals Vertreibung, Hunger und Tod als Kind mit erleiden mussten, leben heute in Deutschland und auch in Marzahn-Hellersdorf. Alle sind gut integriert – nein, sie sind mehr als das: Sie sind einfach Teil unserer Kultur und Gesellschaft.

Nach der Rede von Herrn Henke kam es zu einem unglaublichen Skandal. Keiner der Verordneten von Linken, SPD, Grünen und CDU war bereit, durch Applaus, Tischklopfen, Kopfnicken oder auch nur mit einem Blick, einen mindesten Respekt und Anteilnahme zum Gesagten zu zeigen. Nur Stille. Eisige Stille. Keine Reaktion.

Ich war daraufhin innerlich empört und konnte es zunächst nicht verstehen, was da gerade geschah. Der Erinnerung an die Opfer von Greueltaten, egal wer die Opfer sind, zolle ich Respekt, wann immer daran erinnert wird. So auch den Opfern, die auf dem Marzahner Park-Friedhof ruhen.

Inzwischen sind mir die Gründe für das schäbige Verhalten der Verordneten der Altparteien klar geworden. Es geht ihnen nicht um Moral, sondern um Ideologie, die sie über ihre Moral stellen. Sie wird beim Kampf gegen den gefürchteten politischen Gegner AfD über Bord geworfen. Der alte Herr hat es gewagt, seine ehemalige Partei CDU sachlich zu kritisieren und zu ihrem ärgsten Konkurrenten zu wechseln. Er muss also mit Missachtung „gestraft“ werden. Eine niederträchtige Art und Weise der Rest-CDU, um nochmal nachzutreten.

Doch in ihrer Sturheit und ihrem innerparteilichen Zwang haben diese Verordneten eins vergessen: Ihre Missachtung galt zwar Herrn Henke persönlich, aber sie musste alle 30.000 bei uns lebende Russlanddeutsche treffen. Sie offenbarte dabei die wirkliche Einstellung zum Gedenken an Menschen, die Opfer einer Diktatur wurden. Offensichtlich gibt es im Verständnis der Vertreter linker Parteien und auch der CDU „solche“ und „solche“ Opfer.

Die Russlanddeutschen hier im Bezirk und auch woanders werden aus diesem Verhalten ihre Konsequenzen ziehen, auch politische.

Hier die persönliche Erklärung von Dr. Sergej Henke im vollen Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Vorsteherin,

geehrte Bezirksverordnete,

am 30. August 1941 erschien der zwei Tage zuvor beschlossene „Erlaß des Obersten Sowjets der UdSSR“ mit dem Titel „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons wohnen“. Mit den „Wolga-Rayons“ war die deutsche autonome Republik und mit der „Umsiedlung“ deren Liquidierung sowie die Deportation der Deutschen nach Kasachstan und Sibirien gemeint.

In dem Erlaß hieß es u. a.: „Laut den den Militärbehörden zugegangenen Angaben befinden sich in den von den Deutschen bewohnten Wolga-Rayons Abertausende Saboteure und Spione, die nach der aus Deutschland übermittelten Parole Explosionen in den genannten Rayons auslösen sollen. Über das Vorhandensein einer solch großen Anzahl von Saboteuren und Spionen  unter den Wolgadeutschen hat keiner von diesen die Sowjetbehörden in Kenntnis gesetzt. Falls aber auf Anweisung aus Deutschland die deutschen Saboteure Zerstörungsakte ausführen und dabei Blut vergießen sollten, wird die Sowjet-Regierung gezwungen sein, gemäß Kriegsrecht Strafmaßnahmen gegenüber der gesamten deutschen Bevölkerung zu ergreifen.

Deshalb hat das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR es für notwendig befunden, die gesamte an der Wolga lebende deutsche Bevölkerung in andere Rayons umzusiedeln, wobei den Umzusiedelnden Land zuzuteilen und eine staatliche Hilfe für die Einrichtung an den neuen Orten zu erweisen ist. Für die Ansiedlung sind die an Ackerland reichen Rayons der Gebiete Nowosibirsk, Omsk, des Altai-Gebiets und Kasachstans vorgesehen. Das Staatskomitee für Landesverteidigung wurde angewiesen, die Umsiedlung aller Wolgadeutschen unverzüglich auszuführen.

Am 7. September wurde das Territorium der Wolgarepublik zwischen den Gebieten Saratow und Stalingrad aufgeteilt. Das Eigentum der Deutschen – Häuser, Stallungen, Ackerland, landwirtschaftliche Maschinen und Geräte – wurden beschlagnahmt. In die verlassenen Häuser zogen russische Bürger ein.

In den Wochen danach folgten weitere, diesmal geheimgehaltene Beschlüsse, die die Deportation aller in anderen Teilen der Sowjetunion lebenden Deutschen vorsahen. Bis Ende 1941 wurden nach offiziellen Angaben insgesamt 800 000 Sowjetbürger deutscher Nationalität, davon 450 000 Wolgadeutsche, deportiert. Die Verbannung erfolgte vorzugsweise in Gebiete mit besonders harten klimatischen Bedingungen – am und hinter dem Polarkreis und in Kasachstan. Die im Erlaß versprochene Zuteilung von Ackerland war vor diesem Hintergrund eine an Zynismus nicht zu überbietende Lüge.

Die Unterbringung erfolgte in eiligst zusammengezimmerten, ungeheizten Baracken, bei einer Außentemperatur ab Ende Oktober zwischen 40 und 50 Grad unter Null. Bezeichnenderweise wurden diese Gebiete später für die Errichtung von Kriegsgefangenenlagern als wenig geeignet befunden.

Geschuftet wurde in Bergwerken ohne auch nur halbwegs vorhandene Sicherheitstechnik, beim Holzfällen, beim Bau von Eisenbahnstrecken, bei nicht annähernd ausreichender Ernährung und einem Arbeitstag von 12 und mehr Stunden. Auf Klagen (wenn solche kamen) reagierte das Wachpersonal mit dem stereotypen Satz: „Sei froh, du faschistisches Schwein, daß du überhaupt noch lebst!“ Daß die durchschnittliche Lebenserwartung unter diesen Bedingungen nur kurz war, bedarf keiner Erwähnung. Ich zitiere aus dem Bericht des Geheimdienstes NKWD vom 7. Dezember 1941: „Wenn in den nächsten zwei bis drei Tagen die Anlieferung von zusätzlichen Lebensmitteln nicht erfolgt, werden viele Deportierte, die sich bereits in einem halbverhungerten und kranken Zustand befinden, einfach sterben.“

Um den Tod hinauszuschieben, versuchten einige, die der Verbannung entgangenen Verwandten um Hilfe zu bitten. Das Schreiben von Briefen war erlaubt, aber sie wurden zensiert. Deshalb wurden sie auf Deutsch und so verklausuliert verfaßt, damit die mit der Zensur befaßten Bewacher nichts Verbotenes entdecken konnten. Folgender Brief ist ein Dokument aus jener Zeit:

„Liebe Ursula, ich möchte dir mitteilen, daß es mir hier sehr gut geht. Jede Nacht schlafe ich, allerdings nicht immer die ganze Zeit. Während des Schlafes arbeite ich nicht. Meine alten  Freunde, ohne die ich früher nicht leben konnte, sehe ich nicht mehr. Fleischmann habe ich seit meiner Ankunft nicht mehr gesehen, wo er arbeitet, ist mir nicht bekannt. Grützemann ist versetzt worden, auch Kartoffelmann ist inzwischen ganz wo anders. Manchmal kommt mir Krautmann entgegen, er hatte zwar auch früher nicht viel auf den Rippen, aber nun ist sein Anblick einfach zum Davonlaufen. Mehlmann und Nudelmann wurden von uns bereits beim Verladen in den Zug getrennt. Wassermann und Arbeitsmann sind die einzigen, denen ich jeden Tag begegne. Du kannst allen Bekannten sagen, daß meine einzigen Freunde hier Hungersmann, Läusemann, Wanzenmann und Arbeitsmann sind.“

Deportiert wurden nicht nur die Männer, auch Mädchen ab 15 Jahren. Manchmal, allerdings sehr selten, blieben die Frauen verschont. Auch meiner späteren Schwiegermutter war das Glück hold, obwohl es zunächst nicht danach aussah. Mein Schwiegervater und seine beiden Brüder, alle drei aus dem Gebiet Omsk, wurden Ende September abgeholt, meine Schwiegermutter zwei Wochen später. Ihre drei Töchter, drei, fünf und sechs Jahre alt, blieben im Haus mit den bald lammenden Schafen im Flur – bei Minus 45 Grad  würden die Tiere im Stall erfrieren. Obwohl das Haus zu dieser Zeit bereits mit einem drei Meter hohen Bretterzaun umgeben war – das war das Haus der Faschisten – löste mein Schwiegervater vorsorglich zwei Bretter aus dem Zaun, damit die russische Nachbarin nachts nach den Kindern und Schafen schauen konnte.

Unterwegs im Zug wurde meiner Schwiegermutter schlecht. Sie war schwanger, doch die Sorge um die daheimgebliebenen Mädchen machte ihr so zu schaffen, daß sie ihr Kind verlor. Man ließ sie an irgendeiner Station aussteigen. Als sie zu sich kam, war der Zug weg und der Stationsvorsteher ließ sie ziehen. Meine spätere Frau und ihre Schwestern waren gerettet. Ein dreiviertel Jahr später kam der erste Brief von dem Ehemann mit der Nachricht, daß einer der Brüder gestorben war. Ein halbes Jahr danach starb der zweite. Im Winter 1942 kam der Brief, in dem mein Schwiegervater Abschied von seiner Familie nehmen wollte. „Meine Liebe Frau“, schrieb er, „ich werde wohl bald Bekanntschaft mit dem Sensenmann machen. Ich glaube nicht, daß du von mir einen weiteren Brief bekommen wirst.“

Nach diesem Brief begann seine Frau, Reisevorbereitungen zu treffen. Sie wollte versuchen, ihren Ehemann zu retten. Zwei weitere Frauen machten mit, sie waren bereit, sich in einem Zug, der Kohle beförderte, auf offenen Wagen unter der Kohle vergraben zu lassen. Es kam vor, daß die Frauen solche Reisen, die im Krieg verboten waren, nicht überlebten – sie erfroren, denn auch bei –40° durften sie sich von den Militärstreifen nicht entdecken lassen. Die an allen Häuserwänden prangende Losung lautete: „Всё для фронта, всё для победы!“ Wer dagegen verstieß, wurde auf der Stelle erschossen.

Meine Schwiegermutter überstand ihre erste und zwei weitere Reisen dieser Art. Und obwohl das Wiedersehen mit dem Ehemann nur möglich war, wenn die Hälfte der mitgebrachten Lebensmittel an das Wachpersonal abgegeben werden mußte, konnte sie meinen Schwiegervater retten. 1949, vier Jahre nach dem Krieg, kehrte er heim. 450 000, der Hälfte aller deportierten Deutschen, war dieses Glück nicht vergönnt.

Übrigens: Die rußlanddeutschen Kinder wurden zwar gelegentlich zusammen mit den russischen Kindern, die ihre Eltern im Krieg verloren hatten, in Heime aufgenommen,. Sie bekamen allerdings russische Namen und eine neue Identität. Eine Verwandte meiner Frau suchte nach ihrer Entlassung 1950 drei Jahre lang nach ihrem Sohn. Sie fand ihn zwar, aber die lange Trennung hatte sie voneinander entfremdet. Als sie sich das erste Mal nach dem Krieg trafen, war der Sohn bereits 23 Jahre alt, er fühlte sich als Russe und konnte und wollte für seine deutsche Mutter nichts empfinden. Ihr erstes Treffen blieb ihr letztes.

Das Land, in dem wir heute leben, ist uns – im Gegensatz zu den meisten von Ihnen —  nicht in den Schoß gefallen. Wir werden es deshalb vor Menschen, die sich bei dem Wort „Vaterlandsliebe“ übergeben müssen, stets in Schutz nehmen; ich möchte hoffen, Sie unterstützen uns dabei.

Vielen Dank

Dr. Sergej Henke