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Redebeitrag von Jens Pochandke

Persönliche Erklärung zur Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus am 21.01.2017.

Sehr geehrte Frau Vorsteherin, geehrte Verordnete,

Die BVV Marzahn-Hellersdorf und der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf luden am 21.01.2017 zum STILLEN GEDENKEN für die Opfer des Nationalsozialismus ein. Dieser Einladung bin ich gern gefolgt. Doch ich fühlte mich dort in meinem Gedenken sehr eingeschränkt. Warum?

Nun bin ich in einem Staat aufgewachsen, in welchem Antifaschismus und Antisemitismus Staatsdoktrin waren. Das konnte damals nicht verhindern, daß einige wenige Schüler meiner Klasse gelegentlich früh mit Siegermiene und Hitlergruß ins Klassenzimmer traten. Für mich war besonders schwer zu verstehen, daß diese Schüler auch    oder gerade aus SED-aktiven Elternhäusern stammten. Empört und mit Rückhalt durch meinen Vater traute ich mir dann irgendwann WIDERSPRUCH. Ich gehörte damals nicht zu den muskelstarken Schülern. Deshalb gab es nach der Schule Prügel für mich sowie zerschnittene Fahrradreifen und Bremsbowdenzüge. Das Ganze wurde durch die Schule und durch SED-Funktionäre nie wirklich aufgearbeitet, weil dort (eine  Verallgemeinerung verbietet sich) Antifaschismus nur plakativ und oberflächlich gelebt wurde. Auf die Lehren daraus will ich gleich eingehen.

Es sprach auf der Gedenkveranstaltung die Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, Frau Dr. Schmidt, und sie widmete die Gedenkveranstaltung kurzerhand in eine Gedenkveranstaltung für die damals umgekommenen Sinti und Roma um. Ihre Ausführungen beendete Sie aus politischem Kalkül mit einer Brandrede gegen die AfD. Letzteres ist mir völlig gleichgültig und nicht Gegenstand meiner Erklärung. Ich selbst fühle mich zwar nicht schuldig am Leid dieser durch uns beklagten Menschen, doch ich fühle, daß ich ihnen etwas schuldig bin. Ich bin ihnen nicht hochtrabende Worte und Politproporz schuldig, sondern meinen Beitrag daran, solches Unglück unwiederholbar zu machen.

Es ist mir völlig unmöglich, mein Entsetzen und meine Abscheu über den Nationalsozialismus nur einer Opfergruppe zuzuwenden. Die Ausführungen von Frau Dr. Schmidt sind in meinen Augen geradezu eine VERNIEDLICHUNG des Nationalsozialismus. Es wäre auch besser möglich gewesen.

Ein Beispiel: Ein älterer Dozent an der Offiziershochschule, an welcher ich Anfang der 80er Jahre studierte, schilderte uns sehr emotional und eindringlich, DASS und WIE sich in den  Schützengräben des Vaterländischen Krieges deutsche und sowjetische Soldaten, auch mit dem Parteibuch jeweils ihrer Kommunistischen Partei im Tornister, gegenseitig meuchelten; Erst ganz unpersönlich mit Distanzwaffen, dann Angesicht zu Angesicht mit Bajonetten und Messern und zuletzt mit Fäusten, Krallen und Zähnen. Für mich steht felsenfest: DAS SEIN BESTIMMT DAS BEWUSSTSEIN. Nicht umgekehrt. Deshalb ist Faschismus nicht einfach eine Ansammlung BÖSER MENSCHEN. Faschismus ist ein POLITISCHES SYSTEM. Solcherart kritischen historischen und politischen Diskurses brachte dann auch jene HUMANISTEN in Uniform hervor, welche im Herbst 1989 klar machten, sie würden in Leipzig NICHT auf die eigenen Nachbarn schießen.

Zum Gedenken der Opfer sind hochtrabende Politbekundungen oder Fingerpointing völlig unangebracht, weil falsch und wirkungslos. Vielmehr muss uns beschäftigen:
WELCHE MECHANISMEN konnten bewirken, daß Menschen ihre Nachbarn umbrachten oder dies auch nur widerspruchslos hinnahmen?
WELCHE sozial-ökonomischen und sozial-kulturellen Determiniertheiten konnten diesen Hass und diese Gleichgültigkeit auch unter ganz normalen Menschen hervorbringen?
WELCHE politisch-staatliche Verfasstheit  hetzt Menschen aufeinander, welche Brüder sein könnten, ja müssten.
WELCHER  Mix aus Ideologie, Staatsgewalt und deren Missbrauch, macht es Menschen unmöglich, Widerstand zu leisten?
WIE ideologisiert müssen Kinder sein, um ihre eigenen Eltern der Gestapo zu verraten?
WIE entwurzelt werden Menschen sein, welche täglich, zum Beispiel auf dem Dach eines Friedrichshainer Hauses, lesen müssen, DEUTSCHLAND VERRECKE; welche ihrer Vergangenheit beraubt und statt dessen bevormundet werden?
WIE passen die Ideologisierung unter dem Deckmantel der Political Correctness mit Selbstbestimmung und Freiheit zusammen?
WIE frustriert werden Menschen sein, welche zwar unbarmherzig für Falschparken bestraft werden, während die Feuerteufel, welche ihre Autos anzünden, nie gefunden werden oder mit lachhaft niedrigen Strafen davon kommen.
WIE sollen Kinder zu Persönlichkeiten heranwachsen, wenn Mutter und Vater einander zum Feind gemacht werden, oder die Frau dem Mann, der Alte dem Jungen, der Arbeiter dem Akademiker?
WIE können Eltern in der Schule die Lehrer sprechen, wenn sie zweimal täglich eine Stunde quer durch Berlin zur Arbeitsstelle und zurück hetzten?
WELCHE Ethik soll Menschen vermittelt werden, wenn LÜGEN, EGOISMUS und NARZISMUS folgenlos sind,
sofern sie nur möglichst politisch korrekt sind und von möglichst weit oben kommen.
WIE können Menschen Zeit und Kraft haben, um ihr Leben zu gestalten, wenn sie mit den täglichen Widrigkeiten der Alltagsbürokratie und der Sorge um das Morgen und Übermorgen beschäftigt sind und oft deshalb des Nachts keinen Schlaf finden können. VEREINZELUNG der Menschen und
TEILUNG von gewachsenen Menschengruppen dient ausschließlich der HERRSCHAFT einer Nomenklatura über den Bürger und verhindert Mitmenschlichkeit und Zivilcourage.

ARMUT ist nicht eine abstrakte Zahl in einer politisch bestimmten Erhebung oder Studie, sondern bewirkt

  • Ausschluss von Gegenwart,
  • Verlust von Identität,
  • ist verspielte Zukunft
  • und Frustration.

Armut  erscheint uns übrigens janusköpfig, nicht nur als absolute Armut sondern auch als relative Armut.

Wie dünn die Decke der Zivilisation noch heute inmitten von Europa ist, haben wir alle mit Erschrecken in den Bürgerkriegen in Ex-Jugoslawien und in der Ukraine sehen müssen. Ich fordere Sie auf, denken wir gemeinsam und über Fraktionsgrenzen hinweg darüber nach, wie unsere Mitmenschen, Nachbarn, Wähler hier in Marzahn-Hellersdorf

  • sich geborgen fühlen können,
  • Identität bewahren können,
  • Nachbarschaft leben können,
  • sich sicher fühlen können,
  • auf Gerechtigkeit vertrauen können,
  • auf Chancen hoffen können,
  • Ansporn zur Selbstverantwortung und
  • Genugtuung über erbrachte Leistungen empfinden können,
  • Auf Generationen zurückschauen und
  • auf zukünftige Generationen hoffen können.

So erfüllen wir nicht nur unseren Job als Dienstleister am Bürger und Wähler
sondern so können wir auch aufrecht und mit gutem Gewissen der vielen Opfer des Nationalsozialismus gedenken.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit.