Grenzerfahrungen

Liebe Leser, anlässlich des Jahrestages des Mauerfall erreichen uns Briefe von Menschen, die ihre Erlebnisse aus dieser Zeit schildern.

Mit der DDR konnte ich nur „Grenzerfahrungen“ machen, da ich nie in diesem Land, sondern längere Zeit in Bayern gelebt habe. Von dort aus habe ich mit meiner Familie sporadisch Verwandtenbesuche nach Ostberlin unternommen.

Meine Kinder waren 8, 6 und 3 Jahre alt; war es also verwunderlich, dass für eine über fünfstündige Fahrt für die Kinder Puppen und ein Märchenbuch mitgenommen wurde? Bei der Einreise nach Ostberlin entdeckte der Grenzpolizist das Buch meiner Tochter und raunzte, dass es verboten sei „Druckerzeugnisse“ in die DDR einzuführen. Er ließ es sich aushändigen, blätterte gewissenhaft in dem Buch, und als er in dem Buch keine staatsfeindlichen Seiten entdecken konnte, gab er das Buch mit mahnenden Worten meiner verängstigten Tochter zurück.

Eine weitere Begebenheit am Abend dieses Tages bleibt mir noch nach Jahren im Gedächtnis: Meine achtjährige Tochter Cornelis und der gleichaltrige Sohn meiner Verwandten Volker spielten nach eingetretener Dunkelheit auf dem Parkplatz hinter einem Plattenbau. Meine Tochter erzählte uns auf der Heimfahrt von ihrem Gespräch:
Volker: „Siehst du da hinten, wo es so hell ist, da ist der Westen, da möchte ich nicht leben“
Cornelia: „Warum denn nicht?“
Volker: „Dort kann man abends nicht draußen spielen, weil es so viele Verbrecher gibt.“
Cornelia: „Woher weißt du das denn?“
Volker: „das lernt man doch in der Schule!“