Volkstrauertag 15. November 2025

Samstag, 15. November 2025

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anwesende!

Heute möchte ich ihre Aufmerksamkeit auf die Schicksale der Menschen lenken, die in den letzten Kriegstagen und den schlimmen Tagen nach dem Einmarsch der Roten Armee in unserer unmittelbaren Umgebung Ihre Leben verloren.

Seit mehr als 20 Jahren wohne ich mit meiner Familie ruhig im Grünen in der Nähe des städtischen Kaulsdorfer Friedhofes, der sich am Ende der Dorfstraße befindet. Dort gibt es acht Soldatengräber, einheitlich mit kleinen quadratischen Steinplatten gestaltet, wie wir diese von vielen Berliner Friedhöfen kennen.

Aus mündlichen Überlieferungen wusste ich schon seit einigen Jahren, dass dort auch viele andere Tote der letzten Kriegstage und ersten Nachkriegszeit ihre letzte Ruhe gefunden haben müssen. Es gibt aber auf diese Menschen keine Hinweise, Denkmale oder Grabsteine.

Auf meinen Antrag hin konnte ich im Mai 2024 Einsicht in das Sterbebuch des Friedhofs aus dieser Zeit nehmen.

Es ist ein Dokument des Grauens!

Gewissenhaft sind dort alle Beisetzungen mit dem Tag der Beisetzung, den Namen (soweit bekannt), Lebensdaten, der Todesursache und bei Einwohnern auch die Adresse vermerkt.

Die erste Beisetzung nach dem Ende der Kämpfe fand schon am nächsten Tag, dem 23. April statt. Drei Bewohner der Dorfstraße, Opfer einer Granate, fanden ihren letzten Platz auf dem Friedhof. Es wurden alle Menschen in Einzelgräbern bestattet und im Sterbebuch sind die Grabstellen vermerkt. Nach Ende der regulären Liegezeit wurden diese Grabstätten dann offenbar wieder neu vergeben. Bis zum 18. Juni konnte ich 117 Menschen zählen, deutsche Soldaten und Volkssturmmänner, Zivilisten, aber auch zwei unbekannte sowjetische Soldaten und ein unbekannter „Ostarbeiter“.

Viele Menschen, ganze Familien mit Kindern, begingen Suizid und wir haben heute keine Vorstellungen davon, welche Ängste oder Erlebnisse dem vorausgegangen waren. Am 15. Mai wurden vier unbekannte Soldaten der deutschen Luftwaffe, deren Maschine beim Elsengrund abgeschossen wurde, beigesetzt und offenbar wurden bis in den Juni 1945 auch viele Menschen aus provisorischen Gräbern auf den Friedhof umgebettet. Im Sommer und Herbst starben die Menschen in großer Zahl an Infektionskrankheiten und Unterernährung.

Mit diesem Wissen reichte meine Fraktion einen Antrag in der Bezirksverordnetenversammlung ein.

Unser Ziel war es, dass die Kommission für Gedenkorte Marzahn-Hellersdorf (der neben dem zuständigen Stadtrat auch die Leiterin des Bezirksmuseums, die Vorsitzende des Kulturausschusses und der Vorsitzende des Heimatvereins sowie weitere Mitarbeiter des Kulturbereiches im Bezirksamt sowie Fachleute angehören)

mit der Erarbeitung einer Empfehlung für ein angemessenes Gedenken an die auf dem Friedhof beigesetzten Opfer des zweiten Weltkrieges beauftragt wird.

Wir erwarteten einen Vorschlag für eine angemessene Erinnerung an diese Toten, gerade auch als Mahnung an die Lebenden, sich für die Erhaltung des Friedens einzusetzen. Dieser sollte dann schnell bestätigt und realisiert werden.

Leider wurden wir enttäuscht. Durch die Leiterin des Bezirksmuseums wurde eine erneute Auswertung des Sterbebuches veranlasst und der überprüfte Zeitraum erweitert. Von den 201 Menschen, die beigesetzt wurden, sind 194 Deutsche. 50 Menschen haben Suizid begangen.

Im April dieses Jahrs wurden die Ergebnisse der Untersuchung und die Schlussfolgerungen durch die Leiterin des Bezirksmuseums in der Kommission Gedenkorte vorgestellt.

Die Aussagen haben mich erschreckt:

„die 194 toten Deutschen sind für den Nationalsozialismus mitverantwortlich“

„die Suizidopfer waren ideologisch verblendet“

„durch die vorhandenen Soldatengräber gibt es bereits eine Form des Erinnerns und es wird durch ein zusätzliches Gedenken die Gefahr des einseitigen Erinnerns gesehen. Eine zusätzliche Gedenktafel würde dem nicht gerecht.“

Die Kommission schloss sich bei einer Enthaltung dem Vorschlag der Leiterin des Bezirksmuseums an, die Empfehlung abzugeben, keine weitere Form des Erinnerns einzurichten.

Der Kulturausschuss hat sich gegen unsere Stimmen (also auch mit den Stimmen der CDU-Bezirksverordneten) dieser Auffassung angeschlossen und am nächsten Donnerstag wird unser Antrag in der Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung mit Sicherheit abgelehnt.

Unsere Fraktion, meine Partei, wird das Thema nicht aus den Augen verlieren! Gerade jetzt, in einer Zeit der großen Kriegsgefahr, wollen wir das Gedenken an die Toten bewahren!

Wir verneigen uns heute stellvertretend vor dem Denkmal hinter mir im Gedenken an

Die Zivilisten, die durch Granaten, Bomben, Beschuss oder die Willkür der Sieger ihr Leben verloren,

an die russischen Soldaten und Fremdarbeiter, die nicht in ihre Heimat zurückkamen,

an die Menschen, die ihrem Leben voller Verzweiflung ein Ende bereiteten,

an die Soldaten, Flieger und Volkssturmmänner, die ihre Familien nicht mehr sahen!

 

Wir werden diese Menschen nicht vergessen, wir lassen uns nicht davon abbringen, dieser Menschen zu gedenken!

Ich danke Ihnen!

 

Rolf Keßler